Hörst du meins, hör' ich deins: My Chemical Romance vs. John Frusciante
Dennis Plauk hört: My Chemical Romance – “Three Cheers For Sweet Revenge”
Jan Schwarzkamp hört: John Frusciante – “The Will To Death”
JS: Okay, ich gebe zu, dass My Chemical Romance ein leichtes Ziel sind: teils komische Outfits, etwas Emo-Kasperletheater, irgendwann vielleicht ein wenig zu viel Queenifizierung. Alles schön und gut. Aber: Was ist an “Three Cheers For Sweet Revenge” auszusetzen?
DP: Im Grunde fasst du es schon gut zusammen. Mir ist das alles zu viel und zu dick aufgetragen – und es sollte ja noch schlimmer werden in dieser Hinsicht, Stichwort: “The Black Parade”. Da sind ihre Queen-Gene dann endgültig mit ihnen durchgegangen. Nicht gut für jemanden wie mich mit einer jahrzehntelang gepflegten Abneigung gegen Queen. Aber schon auf “Three Cheers For Sweet Revenge” deutet sich das alles an: bisschen Emo, bisschen Punk und ganz viel Pathos. Rein instrumental finde ich das so unspektakulär, dass ich es gut ignorieren könnte, aber dann legt sich Gerard Ways melodramatischer Gesang darüber und es geht mir sofort auf den Zeiger. Wie er die Vokale zieht, wie er sich durch die Zeilen leiert, mal flüstert, mal kreischt, diese ganze kultivierte Weinerlichkeit. Aber du hast da offenbar ein dickeres Fell als ich, oder?
»Man hat My Chemical Romance früh angemerkt, dass sie glauben, für Größeres bestimmt zu sein.«
Dennis Plauk
JS: Ich kannte damals schon das Debüt, hatte mir das illegal runtergeladen und dann gekauft. Schon da war vieles angelegt. “Three Cheers” ist in der Hinsicht die perfekte Brücke zwischen ihrer New-Jersey-Emo/Punk-Szene und dem Spektakel der “Black Parade”. Mich hat 2004, meine private Mailadresse war damals noch emojan@gmx.de, dieser Mix komplett mitgerissen. Klar: theatralisch, pathetisch. Aber eben auch rasant, cool getextet, bisschen Metal und emotionaler Overdrive. Ein wenig, als würden The Smiths sich an Songs von Iron Maiden versuchen, in dem Jugendzentrum, in dem sonst Lifetime headlinen. Dazu eine Band, die als Gang auftritt und ein Frontmann mit Vision. What’s not to like?
DP: Wie war das noch? Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen. Aber Spaß beiseite, man kann es My Chem meinetwegen zugutehalten: Man hat ihnen früh angemerkt, dass sie glauben, für Größeres bestimmt zu sein. Vielleicht zurecht. Gerard Way hat sich später ja auch einen Namen mit seinen Graphic Novels gemacht, das lag mir persönlich sogar näher als seine Musik. Das alles folgte also schon einem Plan. Und es spricht ja auch gar nichts gegen groß angelegte Alben, Konzeptkunst und so weiter. Das müsste mir als altem Progger sogar gut reinlaufen. Hier aber wirkte es mir schnell zu formelhaft. Zu berechenbar. Und manchmal zu bemüht. Ich habe in Sachen überbordende Kreativität dann lieber auf John Frusciante gehört, der zur gleichen Zeit sein zweites Soloalbum binnen weniger Wochen veröffentlichte – und damit noch lange nicht durch war. Wie findest du “The Will To Death”?
JS: Ich stoße mich erst mal am Titel. Müsste es nicht “The Will To Die” heißen?
DP: Ich glaube, so ist der Tod stärker betont, nicht das Sterben. Die Idee hinter dem Titel ist, dass man den Tod als etwas Unausweichliches akzeptiert und dadurch ein freieres Leben führen kann. Sagt Frusciante.
JS: Hat ihn sein Heroinmissbrauch weise gemacht, weil er mit dem Tod schon Poker gespielt hat? Oder anders gefragt: Hat ihn der Flirt mit dem Tod zu einem talentierteren Musiker und Texter gemacht?
DP: Noch talentierter als auf “Blood Sugar Sex Magik“? Wenn überhaupt, haben ihn die Jahre abseits der Red Hot Chili Peppers produktiver werden lassen. Vielleicht weil er zwischendurch so viel Zeit verloren hat; weil er die Jahre im Nachhinein besser ins Songwriting als in Pokerpartien mit dem Tod investiert hätte, um in deinem Bild zu bleiben. Was Frusciante um 2004/05 an Musik veröffentlichte, solo und mit Ataxia, sucht auf jeden Fall seinesgleichen. Den Anfang machte “Shadows Collide With People“. Da dachte ich, besser kann es nicht werden. Kurz darauf erschien aus dem Nichts “The Will To Death”. Ruhiger, reduzierter, weniger professionell produziert. Aber Alter, diese Songs!
JS: Mich kickt’s nicht. Dafür bin ich nicht Melancholiker genug. Wobei ich überrascht bin, wie kraftvoll er mit seinem Fistelstimmchen in “The Mirror” singen kann. Mir ist es, bis auf bei King Gizzard selbstverständlich, immer etwas suspekt, wenn Künstler:innen viel Musik in kurzer Zeit veröffentlichen. Da denke ich immer: Ist die eingebaute Qualitätskontrolle wieder kaputt? So geht es mir dann auch bei Frusciante: Musste wirklich jeder dieser Songs veröffentlicht werden?
»Mir ist es immer etwas suspekt, wenn Künstler:innen viel Musik in kurzer Zeit veröffentlichen.«
Jan Schwarzkamp
DP: Jeder dieser Songs, jedes dieser Alben. Ist doch klar. Und anders als bei seinem damals ebenso überproduktiven Buddy Omar Rodriguez, mit dem er übrigens auch eine Platte aufgenommen hat, hat jede dieser Platten ihre Berechtigung, setzt jede ein anderes Statement. Es musste eben alles raus. Das merkte man dann auch auf seinem nächsten Album mit den Chili Peppers, “Stadium Arcadium”: 28 Songs auf 4 LPs. Und das war noch die Kompromisslösung: Frusciante hätte am liebsten ein Triplealbum gemacht. Alles, was die Band auf der Strecke lassen musste, geschah unter Schmerzen. Wenn die Qualität stimmt, freue ich mich als Fan doch auf jeden Fall mehr über viel Musik als über wenig. Wer kann, der kann.
JS: Weißt du, Dennis, selbst, wenn mich seine Musik nicht kickt, freue ich mich, dass Frusciante noch unter uns weilt und dich – und wahrscheinlich viele andere – so sehr mit seiner Musik erfüllt.
DP: <3
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